Ist die Todesstrafe eine moralisch zu rechtfertigende Art der Bestrafung?
Sollte Abtreibung gesetzlich erlaubt sein? Wenn ja, unter welchen Umständen?
Was ist Moral überhaupt und was unterscheidet sie vom Gesetz?

Nach welchen Maßstäben beantworten wir obige Fragen? Was heißt „gut" und „böse" und wieso versteht jeder Mensch etwas anderes darunter? Wieso werden obige Fragen nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Kulturkreis zu Kulturkreis grundlegend unterschiedlich beantwortet?

Ethik als Teildisziplin der Philosophie beschäftigt sich mit dem menschlichen Handeln und dessen Richtigkeit bzw. Falschheit. Außerdem reflektiert Ethik diese abstrakten Begriffe wie „richtig", „falsch", „gut" oder „böse", versucht also herauszufinden, was wir Menschen und jeder einzelne Mensch damit eigentlich meinen.

Immer, wenn Menschen handeln, sind ethische Fragestellungen im Spiel. Ethik betreibt also - bewusst oder unbewusst - jeder von uns, wenn er sich für oder gegen eine Handlung entscheidet, zum Beispiel darauf verzichtet, einen bewaffneten Raubüberfall durchzuführen. Ethische Fragestellungen begegnen uns auch in der Schule immer wieder. In der Oberstufe sehen wir Schüler (und Schülerinnen - ein für allemal politisch korrekt) uns im Fach Politik und Wirtschaft mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit ebenso konfrontiert wie mit dem Problem der Klimagerechtigkeit oder der Wahrung von Menschenrechten. In Biologie wird über die Legitimität von Stammzellenforschung genauso geredet werden wie in Geschichte über die Beweggründe der Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus.

Ethik verknüpft all diese aus dem wissenschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, religiösen oder persönlichen Alltag entnommenen Problemstellungen mit den Instrumentarien einer philosophischen Reflexionskultur und versucht Antworten zu geben, von Menschen für Menschen.

Doch nicht nur aufgrund ihrer Universalität und ihrer Schlüsselposition als verbindendes Glied zwischen den Fächern und Fachbereichen ist die Ethik dabei, sich ihren festen Platz im Fächerkanon der Goetheschule zu ergattern. Darüber hinaus nämlich stellen wir im Ethikunterricht die Probleme auf eine höhere Stufe, indem wir das handelnde und Entscheidungen treffende Subjekt in der Ethik, nämlich den Menschen, selbst zum Forschungsobjekt machen. Wir untersuchen, was den Menschen eigentlich ausmacht, sodass er so handelt wie er handelt.

In diesem Zusammenhang wird in der 11.1 gefragt, welche Rolle das Glück für uns Menschen spielt. Ist Glück wirklich das Ziel allen menschlichen Strebens? Was heißt Glück überhaupt für jeden Schüler persönlich? Was haben Philosophen wie Aristoteles oder John Stuart Mill vor hunderten von Jahren über Glück geschrieben?

Für uns Schüler war es eine aufregende Erkenntnis, dass diese über die gleichen Fragen nachgedacht haben wie wir heute.

Die 11.2 behandelt das Thema Religion. Anders als im Religionsunterricht wird allerdings auch die Religion aus der Vogelperspektive untersucht.

Welche Antworten geben die unterschiedlichen Religionen auf ethische Fragestellungen?

Wieso sind und waren so viele Menschen schon immer religiös?

Welche Gegenansichten verfolgen Religionskritiker? Auch in diesem Halbjahr fallen Namen von Großen unserer Geistesgeschichte, wie zum Beispiel Karl Marx, Ludwig Feuerbach oder Friedrich Nietzsche.

Die 12.1 steht unter der Überschrift Anthropologie, das ist die Lehre vom Menschen. Hier werden den Schülern die Menschenbilder vieler berühmter Persönlichkeiten nahe gebracht, die alle eines gemeinsam haben: sie haben große Auswirkungen auf ihren Zeitgeist gehabt und zumeist sind diese Auswirkungen auch heute noch zu spüren. Es ist verblüffend und faszinierend zugleich, als Schüler zu erkennen, wie sehr unsere Art zu denken noch von der Arbeitslehre eines Karl Marx, den Kulturüberlegungen eines Aristoteles oder der Psychoanalyse von Sigmund Freud beeinflusst ist.

In diesem Halbjahr werden Verbindungen geknüpft zwischen Altem und Neuem, zwischen Platon und „The Matrix", wenn es um die (Schein)Realität geht und zwischen Rousseau und moderner Hirnforschung, wenn es um die Kontroverse um den freien Willen des Menschen geht. Diese Verknüpfung mannigfaltiger Standpunkte ermöglichte uns Schülern nicht nur einen scharfen Überblick über unsere westliche Geistes- und Kulturgeschichte und tiefe Einblicke in das, was Menschen denken und schaffen können, sondern brachte uns auch methodisch, also fachunspezifisch, einen großen Schritt weiter, indem wir lernten, aus diversen Schriften die Essenz herauszupicken und somit prägnante Aussagen über einzelne Themen treffen zu können.

In der 12.2 lernen die Schüler die einzelnen ethischen Theorien im Speziellen kennen. Eine ethische Theorie ist ein System möglicher Herangehensweisen an ethische Probleme, also ein System von universellen Lösungsansätzen für spezielle Probleme. Die Geschichte der Ethik hält hierfür von der Pflichtenethik Immanuel Kants über die Mitleidsethik Arthur Schopenhauers bis zur Diskursethik des Jürgen Habermas einige Vorschläge bereit, und am Ende hat jeder Schüler selbst zu entscheiden, ob seiner Meinung nach Kants kategorischem Imperativ oder der utilitaristischen Glückslehre Folge zu leisten ist. Vielleicht wird er auch zu dem Schluss kommen, dass ein Universalsystem von Antworten der Vielfalt an ethischen Problemen nicht gerecht wird. Die zentrale Frage in diesem Halbjahr lautet: Was sind meine Kriterien dafür, dass ich eine Handlung als richtig oder falsch einschätze?

Im Kurshalbjahr 13.1 wird die Gerechtigkeitsfrage aufgeworfen.

Wenn in einer Klasse alle Schüler die gleiche Note bekommen, ist das gerecht?

Ja, würde ein strikter Vertreter von Verteilungsgerechtigkeit behaupten, während eine Verfechterin von Leistungsgerechtigkeit den gleichen Fall als ungerecht bezeichnete. Gerechtigkeit ist ein großes Thema in der Politik, den Medien und nicht zuletzt am Stammtisch. Doch wie am obigen Beispiel zu sehen, versteht jeder etwas anderes darunter. Neben Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit (diese sind übrigens interessanterweise weitestgehend übertragbar auf die Wirtschaftsordnungen Sozialismus und Kapitalismus, verbunden mit den Weltansichten von Kollektivismus und Individualismus - blendend, welche neuen Einblicke diese Einsicht in den Politikunterricht der 12.1, den Englischunterricht der 12.1 und den Geschichtsunterricht der 13.1 eröffnet) gibt es noch viele weitere Auffassungen von Gerechtigkeit. Gerechtigkeitssinn und -streben ist zu erkennen in unserem demokratischen Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und in internationalen Vereinbarungen über die Wahrung von Menschenrechten. Damit beschäftigt sich dieses Halbjahr wie mit der Gerechtigkeit der Strafe und der Gerechtigkeit des Krieges:

Was sind die Ursachen von Kriminalität?

Welche Strafen sind angemessen zur Bekämpfung von Kriminalität?

Gibt es gerechte und zu rechtfertigende Kriege? Unter welchen Umständen ist ein Krieg gerechtfertigt?

So abstrakt dieser Begriff „Gerechtigkeit" auch ist, so schillernd und facettenreich ist er.

Und als Gesellschaft müssen wir uns darüber klar werden, was für uns gerecht ist und was nicht!

Das Kurshalbjahr 13.2 befasst sich mit sehr aktuellen und akuten Fragen: In welchem Verhältnis sieht sich der Mensch zu seiner natürlichen Umwelt? Was ist der richtige Umgang mit der Natur? Wie ist ein nachhaltiges Leben auf diesem Planeten möglich, wie sind Naturschutz und technischer Fortschritt zu harmonisieren? Durch den Klimawandel sind wir dazu gezwungen, uns mit ökologischen Fragestellungen auseinanderzusetzen und dieses Halbjahr wird mit der Zielsetzung bestritten, uns Schüler zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu erziehen und für die Probleme zu sensibilisieren, die mit dem Fortschreiten der Technik einhergehen.

Der Ethikunterricht an der Goetheschule ergänzt den Fächerkanon im Sinne des humanistischen Bildungsideals (was das ist, wird z.B. auch in der 12.1 gelernt) ganz wunderbar. Nicht nur Wissen, sondern auch „Wissen vom Guten" (Michel de Montaigne) solle die Schule vermitteln; des Schülers Charakter zu stärken sei ebenso Aufgabe der Schule wie ihm Wissen einzuflößen. Ohne diese Charakterstärke, das „Wissen vom Guten", sei eine Erziehung unvollständig. Diesem Ideal versucht der Ethikunterricht an der Goetheschule gerecht zu werden.

Azad Quell, Schüler an der Goetheschule